Er gab auf dein Wort, Aufgaben, sich aufgeben, um draufzugehen.
Um über Deinen Satz hinauszugehen, ohne allzu empfindlich zu sein: Wenn wir unsere Geschichte ernst nehmen, war sie ein großes Versprechen, das noch immer ihr Recht hat, sofern wir uns nicht vor uns schämen wollen, so dass du nicht befürchten musst, ich stünde abseits jeder Zärtlichkeit.
Blöde Idee für einen App für Germanisten
Nach ein, zwei Bier und holprigen Gesprächen fordert man sich an der Bar zum Duell heraus, indem ein jeder sich für ein Wurzelverb entscheidet, von dem er meint, dass es mehr Präfixbildungen einzugehen imstande ist.
In unserem Beispiel entscheidet sich Germanist A für “stehen” und Germanistik B für “setzen”. Fix ins Smartphone eingegeben, kann es auch schon losgehen. Der App beginnt mit seiner Auswertung:
Aufstehen_ Aufsetzen
Entstehen_ Entsetzen
Anstehen_ Ansetzen
Nachstehen_ Nachsetzen
Verstehen_ Versetzen
“Was für ein Paar”, denkt sich Germanist A hierbei und notiert es sogleich für sein nächstes Gedicht.
Beistehen_ Beisetzen
Aufstehen_ Aufsetzen
Anstehen_ Ansetzen
Ausstehen_ Aussetzen
Einstehen_ Einsetzen
Durchstehen_ Durchsetzen
Erstehen_ Ersetzen
Umstehen_ Umsetzen
Zustehen_ Zusetzen
Unterstehen_ Untersetzen
Feststehen_ Festsetzen
Auseinanderstehen_ Auseinandersetzen
Stillstehen_ Stillsetzen
Hier zweifelt Germanist B für einen Moment, ob es denn “Stillsetzen” tatsächlich gibt. Aber wenn der App es sagt?!
Vorstehen_Vorsetzen
Ausstehen_ Aussetzen
Bestehen_ Besetzen
Freistehen_ Freisetzen
Zurückstehen_ Zurücksetzen
Abstehen_ Absetzen
Überstehen_ Übersetzen
An dieser Stellen beginnen beide zu lachen. “Was für eine tolle Sprache!”
Entgegenstehen_ Entgegensetzen
Unterstehen_ Untersetzen
Umstehen_ Umsetzen
Nachstehen_ Nachsetzen
Widerstehen_ Wiedersetzen
Zusammenstehen_ Zusammensetzen
Bis hierher wussten sich die Wörter unserer Germanisten ihre Bedeutungsverschiedenheiten zu entgegnen.
Doch kürt der App schließlich Germanist B zum knappen Sieger. Für sieben seiner Präfigierungen findet sich bei “stehen” kein Gegenpart: fortsetzen, herabsetzen, hineinversetzen, hinsetzen, hinwegsetzen, zersetzen, voraussetzen. Das Wurzelverb von Germanist A kommt nur auf die folgenden vier:
drüberstehen, darunterstehen, dastehen, gestehen.
Was ein Spaß! “Los, neue Wörter!”
Ein Ball aus Gas. Zusätze oder Die Verstimmung des Deprimierten als Schieflage im Konzert der Etiketten.
Cristina Nord bemängelt in ihrer Filmkritik, Melancholia gebe keinen Aufschluss über unsere Gegenwart. Gleiches könnte sie ebenso gut The Tree of Life anlasten. Ja Sokurows Faust ist gar in seiner Histoire reichlich antiquiert. Jedoch besteht die eigentliche Aufgabe von Kritik weniger darin, dem Film Einsichten bloß zu entnehmen, als vielmehr in dessen Besprechung selbst Aufschluss zu geben über die Gegenwart, der er entstammt. In einer Welt ständiger Bedrohung und potenzierter Krisenhaftigkeit ist die Kontinuität der Zeiterfahrung brüchig geworden. Die Zeit gerät in den Leerlauf und so in einen gesonderten Blick. Wahrlich sind Verlust und Trauer, Erinnerung und Melancholie keine spezifisch heutigen Themen wie Eurobonds und Eurokrise. Doch verrät die Anstrengung der Filme, einen Blick fürs Ganze zu schaffen, viel über eine Situation, in der das Ganze wiederum einzig in der Naturgeschichte gefunden wird – zwischen Urknall und Planetenumlaufbahnen. Wenn die sittliche Person zurück aufs Kreatur-sein fällt, degeneriert sie zum tumben Objekt. Darin trifft sich der Zeitgeist mit seiner Ästhetisierung.
Mephistos’ Absicht ist bekanntlich, bei Faust den Wunsch zu entfachen, die Zeit solle anhalten. Metaphysik selbst ist in gewisser Weise ein Zeitanhalten und doch das ganze Gegenteil. Schelling schreibt: »Wir sagen, daß ein Ding dauert, weil eine Existenz seinem Wesen unangemessen ist.« Ein tatsächlich verharrender Augenblick wäre der Verlust allen Sinns, da letzterer stetig hinaustreibt über bloße Momente wie das Denken selbst, das genuin negiert und identifiziert.
Zur Losung im Faust: Der suchende Bürger ist in seiner Innovation selbst an die Barbarei gebunden; hat er doch im Zweifelsfalle über Leichen zu gehen. Seine bewusste Aufhebung aber, d.h. die revolutionäre Abspaltung von der Notwendigkeit der Akkumulation ist auch nicht Aufgabe der Kunst. Rudolf Arnheim schreibt: »Wer den Film verbessern will, muss erst die Gesellschaftsordnung verbessern, und das zu tun, ist nicht die Sache bürgerlicher Kaufleute.«
Gute Laster sind Dir wie ein Hund, sie bringen Dich vor die Tür.

Mit der Prophezeiung des Endes halten wir es uns vom Leib.

Bundesarchiv, Bild 183-H13160 / CC-BY-SA
Heimat ist, wo man gut kacken kann.
Ein Ball aus Gas oder: Was das Kino auseinandertreibt

Zwei Produktionen haben im zurückliegenden Jahr maßgeblich die Filmlandschaft bestimmt: Der von Terrence Malick realisierte The Tree of Life und Lars von Triers Melancholia. Mit der Faust- Verfilmung Alexander Sokurows kommt am 19. Januar nun ein Film in die deutschen Kinosäle, der den Vorgenannten sowohl formal als auch erzählerisch opponiert. In Konstellation gebracht verhelfen sie zur Einsicht, was das Kino auseinandertreibt und die Welt im Innersten zusammenhält.
Faust: Das metaphysische Spiegelstadium
Den Ort der Seele wisse nur Gott, weiß Wagner seinem Doktorvater recht zu Beginn von Alexander Sokurows Faust-Verfilmung zu sagen – und der Ort Gottes wiederum sei überall. Kurz darauf gibt Faust die grobschlächtige Suche nach der menschlichen Psychḗ inmitten der Eingeweide eines Toten auf. Eingeleitet wird diese Szene mit einer sich über einen Landschaftszug hinwegbewegenden Kameraaufnahme, die gleich den Einführungen von The Tree of Life und Melancholia vom Allgemeinen ins Besondere führt, von der Naturgeschichte aufs Biografische – obzwar in Faust statt der Unweiten des Kosmos’ bereits der in Wolkenfetzen liegende Erdenhimmel die Grenze des Daseins markiert. Partikular bei Sokurow ist der Fingerzeig aufs Symbolische. So taucht ein durch die Luft schwebendes weißes Stück Papier auf, nachdem die Kamera einen zwischen den Wolken hängenden Spiegel fokussiert. Zwei zentrale Momente der faustischen Verzweiflung sind darin bezeichnet, die letztlich das geistige Kampffeld allen Zweifels bedingen: die Metaphysik.
Wie der Spiegel die Welt verdoppelt, so Nietzsche, trennt die Metaphysik den Sinn der Welt, um sich daraufhin zum Sinnursprung emporzuschwingen und die Welt geradewegs als ihr Abbild ein zweites Mal zu erschaffen. Eine für Nietzsche notwendige Verkehrung, weil anders der Mensch um kein Fortbestehen wüsste. Gleich einer »Hinterwelt« walte die Metaphysik, deren moralische Strukturen über das stets brüchige Hier und Jetzt hinwegtragen, indem sie ein Sinnganzes garantiert. Dass Nietzsche sogleich alle Moral als bloße Konvention verwirft, muss nicht geteilt werden, um einzusehen, dass die menschliche Existenz genuin durch geistige Zusammenhänge vermittelt ist, die jenseits aller »reinen Gegenwart« liegen. Dazu korrespondiert die frühe Einsicht in Faust: Wie Gott keinen bestimmbaren Ort hat, bleibt die Seele im fleischlichen Körper unauffindbar.
Gott, das ist das letzthin Unsagbare, wie man sagt, der tiefste Grund allen Seins, ja die Einsicht in allen Sinnzusammenhang mit der zugleich zur Erkenntnis käme, warum das All ist. Doch um Faust herum wird der Glaube zur Tradition, korrigiert ein technisches Instrument ähnlich der Streckbank körperliches Leid, haben die Menschen fortwährend Hunger. Deshalb scheint einzig im verneinenden Geist des Mephisto eine letzte Ausflucht für den, der das Leben unter den Trümmern der Metaphysik vermutet, es vergraben ahnt unter der Schrift.
Melancholia: Die Ich-Stärke des melancholischen Allegorikers
In Melancholia ist jener Spiegel im Film selbst montiert, reflektiert sich sein erster Teil in seinem zweiten – und wie die Spiegelfläche kein »Dazwischen« kennt, bietet auch der Film dem Zuschauer keine Pause zwischen beiden Teilen. Mit der Unendlichkeit des Kosmos’ zeigt von Trier zu Beginn seines Films bereits dessen Ende: Ein Komet schlägt auf die Erde ein und vernichtet alles Leben. Es ist die Physiognomie einer jeden Tragödie: Das Ende wird als auswegloses vorweggenommen und schenkt uns hierdurch einen Blick, der sich ganz auf die Beziehungen zwischen den Figuren konzentrieren kann, kurzum: auf ihre Kollision. In Melancholia gilt dieser Blick zuvörderst dem Schwesternpaar Justine und Claire. Was jener keinen Sinn macht, ist dieser Selbstverständlichkeit: Das Leben lebt man.
Der Rahmen des ersten Filmteils ist Justines Hochzeitsfeier auf dem Domizil ihres Schwagers. Doch ist sie weit entfernt von dem Familienglück, das ihre Schwester Claire, Mutter eines Kindes, scheinbar umgibt. Justine eignet eine Melancholie, die zur Treulosigkeit gegenüber den Menschen verleitet, in deren Blick der Sinn von allen Gegenständen abfließt. Ihr Zustand ist das heimliche Wissen um die Hoffnungslosigkeit in Allem. Ein Zustand, den von Trier mit dem herannahenden Kometen zur Objektivität erhebt. Was im ersten Teil des Films noch das persönliche Versagen Justines ist, welches medikamentiert, wenn nicht psychiatrisiert gehört – sie scheitert an Etikett und Konvention, kapituliert vor dem Imperativ der Verfügbarkeit, verliert ihren just zum Gemahl erklärten Freund – wendet sich im zweiten Teil zur Ohnmacht gesellschaftlicher Institutionen: Claires Mann begeht Selbstmord, das familiäre Idyll zerbricht.
Vom Tode aus gesehen ist die Produktion der Leiche der Sinn des Lebens, schreibt Walter Benjamin in seinem Trauerspiel-Buch. Justine hat mit dem drohenden Ende der Welt erstmals ihren Sinn gefunden. Eine Anerkennung, die ihr in der lückenlosen Ordnung des Glücks versperrt blieb. Und während jene Ordnung zerfällt, ihre Strukturen keine Bedeutung mehr haben, Claire mit ihrem Sohn hilflos in einem Golfmobil umherirrt, um ihn zu beschützen, und im Angesicht des bedrohlich herannahenden Kometen schließlich kollabiert, weiß Justine gleich dem Allegoriker den Dingen selbst eine Bedeutung zu verschaffen. Wo keiner mehr Antwort hat, erklärt sie wenige gegeneinander gestellte Äste zum magischen Unterstand und vermag zu behüten.
The Tree of Life: Etwas fehlt
An anderer Stelle bleiben Menschen zurück, erhält das Leben durch den plötzlichen Tod eines Menschen im Inneren einen Riss. Anstatt das Kind zu beschützen, hat in The Tree of Life eine Mutter den Verlust ihres Sohns zu erleiden. In fragmenthaften Erinnerungen des hinterbliebenen Bruders Jack wird das Aufwachsen in einer Familie geschildert, deren Trauma sich in der Dualität der Elternteile reflektiert. Grob psychoanalytisch gesprochen bindet das väterliche Realitätsprinzip so sehr an die gesellschaftliche Maschinerie, wie die Mutter zärtlich ein unvermitteltes Phantasma zur Natur verspricht. Als psychosoziale Agenten leisten sie beiderseits Trauerarbeit. Aber wie es scheint, hat sich der Erinnernde nicht vom verlorenen Bruder lösen können. Als stünde er im Schatten des festgehaltenen Objekts, sieht man ihn abseitig aus seinem Bürozimmer auf eine gegenüberliegende Fensterfront blicken. Sein Vermissen scheint schlechterdings ein Kranken an der Zeit, weil alles unwiederbringlich vergeht, weil das Kind, das er selbst einmal war, gleichsam nicht mehr ist.
Szenen von Wüstenlandschaften und Tiefseegewässern, Naturgeschichte und Urzeit brechen in Terrence Malicks Film die Kindheitserinnerungen und durchwandern das Vergangene mit einer Traumsequenz, die sich gegen Ende des Films zum Wiedersehen der Verstorbenen verdichtet. Umgeben von den Weiten des Meers streift Jack seinen verstorbenen Bruder, ist umgeben von seinen Eltern, als sie im Alter seiner Kindheitserinnerungen sind. Sein Traum steht außerhalb der fortschreitenden Zeit und bringt in seiner Gegenwart so zusammen, was sich realiter unmöglich begegnen kann. Die Annahme einer zweiten realen Welt, wo der Tote fortlebt, die Zerlegung in Leib und Seele – für Nietzsche liegt in der Traumerfahrung der Ursprung aller Metaphysik: »Ohne den Traum hätte man keinen Anlass zu einer Scheidung der Welt gefunden.«
Wovor Melancholia kapituliert, ist The Tree of Life heilig
Was sich in Melancholia als nichtig ausnimmt und die Ohnmacht bestehender Sinnzusammenhänge offenlegt, ist in The Tree of Life die geschaffene Leerstelle durch den plötzlichen Tod. Beide rühren an der eingeschliffenen Bewusstlosigkeit. In beiden wird mit eindrucksvollen Bildersequenzen von Urgewalt und Universum etwas vollbracht, das ebenso Jacks Erinnerungen bewirken: Wie diese als Zeiterlebnisse zugleich eine Überwindung der Zeit sind, ein Zusammensehen des Lebens als geronnene Einheit, sind jene Sequenzen ein zusammensehendes Erfassen. So lassen die poetischen Möglichkeiten des Kinos Erlebnisse großer Wesensnähe erahnen.
Inhaltlich jedoch könnten beide vorgenannten Filme verschiedener kaum sein, auch wenn sie dem gleichen Impuls aufsitzen, wie im Rückgriff auf Sokurows Faust schlussendlich gezeigt werden soll. Vorweg lässt sich als These formulieren: Wovor Melancholia kapituliert, ist The Tree of Life heilig. Offenkundig treibt letzterer in seiner Naturdarstellung zur Perspektive, Natur als heilsamen Gegensatz zur Moderne zu ästhetisieren. Das dem Film vorangestellte Zitat aus dem Buch Hiob befördert hieran die Lesart, alles Leid und alle Ungerechtigkeit rückzubeziehen auf eine letztlich in sich wohlgeformte Schöpfung, der Ehrfurcht gebührt. Überhaupt erscheint die Familientragödie als Teil der Schöpfungsgeschichte inszeniert, so dass Thomas Assheuer in der ZEIT vom 16. Juni dieses Jahres über Malicks Film treffend formulieren kann: »Was den Menschen widerfährt, ist plötzlich nur noch ein Schattentheater auf dem Schauplatz der Evolution. Wie Marionetten hängen seine Figuren an den kosmischen Fäden eines unvordenklichen Geschicks, und sogar der sinnlose Tod des Sohnes erscheint plötzlich von organischer Konsequenz.« Zu bedenken wäre, inwiefern das von Malick provozierte Staunen darüber, wie alles ist, nicht das Leiden an der Frage sublimiert, warum all’ das eigentlich ist. Eine Frage, die in ihrer Dringlichkeit erst dann aufkommt, wenn ein unerklärter Schmerz alle Lebensregung hemmt. Adorno bemerkt in diesem Zusammenhang bündig: »Was überhaupt im bürgerlichen Verblendungszusammenhang Natur heißt, ist bloß das Wundmal gesellschaftlicher Verstümmelung.« Aber weil Malick Natur fernab aller Vermittlung als an und für sich seiend begreift, sieht er in ihr nachgerade Wahrheit ausgewiesen, der man sich einzig anzuvertrauen habe.
Von Trier wiederum gestaltet einen Wahrheitsbegriff, der eng verbunden ist mit dem, was die Philosophen der Eigentlichkeit »Tiefe« nennen. Angelehnt an die Unterscheidung zwischen Welt und Erde suggeriert Melancholia, dass unter den gesellschaftlichen Konventionen eine Wirklichkeit liege, welche einmal zum Vorschein gebracht, die alltäglichen Interpretationen des Erdenlebens als trist, ja verfehlt entlarvt. Das, was Heidegger in seinem Kunstwerk- Aufsatz mit »Riss« bezeichnet, ist bei von Trier getragen durch den auf die Erde katastrophisch zurasenden Planeten »Melancholia«, der den Menschen mit einem Mal auf seine bloße Existenz zurückwirft. Der Ritus der Festansprache, der zu werfende Brautstrauß, die anzuschneidende Torte, all das wirkt fortan geradezu lächerlich. Adäquat verhält sich einzig Justine. Nicht nur besitzt sie am Ende anders als ihre Schwester die Ich-Stärke, in der äußersten Konfrontation mit der eigenen Endlichkeit eine Haltung einzunehmen, auch ist sie – das scheint die Dualität des Films nahezulegen – in ihrer vorherigen Depression die eigentlich Wahrhaftige, weil sie schon immer um die Hoffnungslosigkeit in Allem wusste.
In der antiken Humoralpathologie wurde der Melancholiker mit der schwarzen Galle assoziiert, die – verknüpft mit dem Element Erde – sein Denken stets ins Innerste führt. Dorthin führt auch das Ende von Melancholia: der Zuschauer wird ins Planeteninnere geleitet – wo einen gleichwohl nichts als Dunkelheit umgibt. Sodass mit und gegen die Formsprache des Films zu schlussfolgern ist: Nichts ist unwahrer als das Dunkel der Innerlichkeit. Zwar taugt der Melancholiker als immanente Kritik des bestehenden Sinnangebots, wirklicher Sinn aber liegt jenseits aller Abgeschiedenheit. Auch, weil keiner ohne ein Gegenüber um Wörter wüsste.
Folglich irrt Lars von Trier, weil er sich per se gegen die metaphysische Annahme eines Sinnganzen richtet, das den Menschen über den Augenblick hinaus trägt. Ein jedes Erinnern referiert auf Identität, eine jede Hoffnung spricht sich durch Beständigkeit im Wandel. D.h. Metaphysik ist letzthin notwendige gesellschaftliche Praxis, der Mensch das »metaphysische Thier«. Ebenso scheitert The Tree of Life mit seinem Versuch, das Sinnganze in der Kreatürlichkeit selbst auszuweisen. Denn mit diesem Jenseits-aller-gesellschaftlichen-Praxis fällt er hinter die Differenz zurück, welche allererst die metaphysische Anstrengung erzwingt: Sinn und bloßes Leben sind getrennt und damit das Wesenhafte und Zeitliche.
Statt der Auflösung, lehrt Sokurow das Aushalten
Die erlebte Differenz von Sinn und leerer Zeit wird auch Faust zum Problem, doch er lehrt, sie auszuhalten. Weil Sokurow weder die Identifikation mit seiner Hauptfigur verlangt, noch der Film durch Ästhetisierungen in ein Refugium flüchtet, bleibt Wahrheit bis zum Ende als Spannungsfeld verständlich. In Auerbachs Keller erklärt Sokurows Faust auf die Nachfrage des Wirts, was denn ein Komet zu bedeuten habe: »Ein Ball aus Gas«. Daraufhin beginnt der Wirt zu lachen. Faust hingegen beschert der sinnsuchende Blick durchs Teleskop bekanntlich Verzweiflung – wie die ständige Wiederholung ein und desselben Wortes dem sich in der Sprache umsehenden Kind. Weder ist die Wahrheit eines Planeten seine szientifischen Beschreibung, noch ist er als mystifizierter eine Sinnantwort auf allen Zweifel. Vielmehr wird Faust bei dessen Anblick auf sich selbst zurückgeworfen und erkennt sich als Suchenden.
Sokurow gestaltet Fausts Suche vornehmlich als Streifzug, dessen Kohärenz immer wieder abreißt. Ohne sonst sichtbaren Sinn tauchen Gestalten auf und ohne einen Sinn sichtbar zu machen, tauchen sie wieder unter. Der erwähnte Impuls von The Tree of Life und Melancholia wird bei Sokurow umgangen; anstatt sich voreilig der an sich leeren Zeit zu entziehen, wird alles immer wieder in Konstellation gebracht. Selbst der Film führt dies aus, indem er die Dialoge seiner Textvorlagen neu ordnet. Was Goethes Faust spricht, berichtet bei Sokurow an manchen Stellen Mephisto und andersrum. Schließlich verhandelt der Film das Treiben seiner Hauptfiguren als den äußersten Versuch der Selbsterrettung. Nur so bleibt Wahrheit als weiterhin Gesuchtes flüssig. Bloß zu erahnen ist: Metaphysik ist vermittelt durch eine gesellschaftliche Praxis, alles Jenseitige bleibt abstrakte Kritik. Auf jeden Fall aber einsichtig wird: Das, was die Welt im Innersten zusammenhält, muss ein zeitlicher Fluchtpunkt sein.
Es gibt kein richtiges Träumen im Falschen
Selten erinnere ich Stunden nach Erwachen eine Traumsequenz so präzise und eindeutig in seinem Hergang, wie die von vergangener Nacht. Überhaupt werde ich nur selten eines Traums gewahr, seitdem ich wieder angefangen habe, zum Schlafengehen den Wecker zu stellen, der alles kaputt macht, weil er, statt der Verschränkung von Erwachen und Dösen, die strikte Dualität von Schlaf und Wach erwirkt.
Erst auf dem Weg zur Villa Mirafiori, die ich in den letzten Wochen mied wie der Teufel das Weihwasser, sprang mir in den Sinn, wie ich unterwegs in einem Autobus um meine Kreditkarte bangte, deren Rot merkwürdig aus meiner Jackentasche strahlte und das zu verdecken, ich nur mäßig Kraft hatte. Nach einer kurzen Bewegung eines neben mir stehenden Jungen war sie plötzlich verschwunden. Blitzschnell griff ich nach seinem Arm und entriss ihm daraufhin aus seiner Hand, was eben noch Objekt meiner Sorge war. Der halb verschüchterte, halb erboste Junge und ich waren kaum zur Besinnung gekommen, da schaltete sich eine ältere Frau ein, die diesen erst verdrängte und daraufhin versuchte, mit aller Kraft meinen rechten Arm festzuhalten, in dessen Hand ich meine zurückeroberte Kreditkarte hielt. »Ihren Ausweis, los, weisen sie sich aus, sofort!«, schrie sie und hatte mit ihrer Forderung, so schien es, auch alle anderen Fahrgäste sogleich hinter sich. Ich kam nicht umhin, nach meinem Pass zu suchen, um der Masse zu beweisen, dass ich ich bin und mir damit meine Karte gehört. Nachdem der Name auf meinem Ausweis dem der Kreditkarte entsprach, ließ die Frau von mir ab, verlor sich auch die Aufmerksamkeit der Anderen wieder, war der Junge verschwunden. Mir ging es schließlich noch mäßiger als zuvor. Trotz oder gerade wegen des verteidigten Zugriffsrechts auf meine kontigenten Euro.
Jene Traumbegebenheit, deren Notiz ich erst jetzt, am späten Nachmittag verfasse, weil ich sicher war, sie würde mir nicht entfallen, vollzieht sehr plastisch, was mir seit Jahren ein Problem und dieser Tage ein Verderben ist. Vorgestern besuchte ich eine Ausstellung zu Aleksandr Michajlovič Rodčenko, dem eine Ausstellung zu sozialistischen Realismen unter dem Titel Grande pittura sovietica 1920-1970 beigestellt war. Mit letzterer begonnen, stand ich sogleich vor Isaak Brodskis Gemälde zur Eröffnung der Dritten Internationale, das in der italienischen Übersetzung La cerimonia di apertura della Terza Internazionale heißt. Wenngleich Brodskij manches ideologisch verzerrt haben mag und zudem Lenin, nicht Trotzki spricht, wird etwas in Erinnerung gerufen, das mir unbegreiflich weit entfernt scheint. Fast unvorstellbar ist uns ein Gedanke, der vor über hundert Jahren mit der ersten Internationale und eigentlich bereits mit dem Bund der Kommunisten ab 1847 Realität besaß; der Gedanke des Internationalismus, der ohne Internet und Telefon weite Teile der revolutionären Massen verzahnte und der faschistischen Hatz des verdinglichten Menschenverstandes opponierte. In der Einsicht, das Machtmonopol des Staates gehöre zerschlagen, weil dieser bloß Instrument kriegstreibender Irrationalität ist, in seiner formierten Legitimationsgrundlage nationaler Subjektivität nur im Krieg seinen Frieden kriegt (nach Innen wie nach außen), erschien jenseits des republikanischen Topos bloßer Repräsentation die Möglichkeit einer Assoziation freier Individuen in Europa und der Welt.
Gegenwärtig ist jenes Europa bei dem angekommen, was einmal das Bild vom Platz an der Sonne verlangte: Der deutsche Staat hat endgültig die europäische Vormachtstellung eingenommen und ist mächtiger in der Welt als wohl je zuvor. Und während Europa einzig das institutionalisierte Geplänkel unzähliger Staaten ist, die von Eurobonds reden und möglicher Fiskalunion, und keine Assoziation, titelt das deutsche Deppenblatt BILD: »Alle wollen an unser Geld«. Derweil hetzt der deutsche Mob gegen »faule Griechen« und bald wohl auch gegen andere »Parasiten« und sieht sich zudem bedroht von Kopftuch und Islamismus, den er ohne laizistisches Bewusstsein mit dunklerer Haut und »Rückständigkeit« identifiziert.
Letzte Woche, zu Besuch bei einem Freund in Mailand, wurde ich Zeuge von dem, was hier in Rom wohl noch verdeckt ist, weil wir schon halb nicht mehr zu Europa gehören. In den Köpfen geistert der unsägliche Satz »Das Boot ist voll«, den betonend die deutsche Mehrheitsgesellschaft im Rekurs auf den sog. demographischen Wandel gar schamlos ergänzt mit der Forderung nach familienfreundlicherer Politik zur Erhöhung der Geburtenrate. Mailand, das offenkundig sehr viele migrantische Einwohner zählt, ist voll von Konflikt und Hass, die zum ersten Mal, so der italienischer Freund, Italien vereinen – eben durch den gemeinsamen Hass auf Migranten, derentwegen man sich nachts nicht mehr auf die Straße traue, ganze Metro-Linien meide und sich nicht mehr zuhause fühle. Und hier wiederum ist es dann auch »La Merkel«, die das Bild des hässlichen Deutschen derart anempfiehlt, das auch ich mich auf Anfragen in Bars nicht zu sagen getraue: Sono di Germania. Weil ich als imperialer Staat gedacht werde und die Migranten als Ratten.
Und weil alle aufgehetzt sind und die Internationale längst begraben, ist mir zwischen Rassismus und nationalen Identitäten ein Gedanke gekommen, den ich im Widerspruch zum Vorgenannten zu schreiben habe: Gut, dass es das staatliche Gewaltmonopol gibt! Wenn das nicht so wäre, würden alle über alle fallen. Wie der Staat zwar erst die Spielregeln garantiert, die in der psychischen Verarbeitung zu dem führen, was er wiederum, zumindest offen, verhindert, so produziert er den Mangel und verteilt die Güter, derentwegen kriminell ist, wer sich aneignet, was ihm nicht gehört. Doch bewahrt er davor, dass alle nichts haben, weil Mord und Totschlag droht, weil mit »falschem Bewusstsein« ihn abzuschaffen, alles noch schlimmer würde. Damit bin ich exakt in der Rolle desjenigen, der seine Kreditkarte zu verteidigen hat, und sich mit seinem Pass ausweist. Weder habe ich mir meinen Namen selbst gegeben, noch das verdient, was mir der Bundesadler beschwört. Und auch wenn der Pass Staatseigentum ist, mache ich ihn mir zu Nutzen, berufe ich mich auf ihn, um Ich zu sein und zufälligen Besitz und Identität zu verteidigen. Kein Polizist ist dabei anwesend, aber der Staat in allen Köpfen.
Wir werden zusammengehalten und sogleich unterschieden, von etwas, das uns weder zusammenbringt, noch besonders macht, ja im emphatischen Sinn eigen, und das doch die Ahnung schützt, dass Max Muster ein liebenswerter Mensch sein könnte, wären die Dinge um seinetwillen da.
»Mit Deiner letzten Nachricht ist Dir übrigens ein Satz gelungen, den ich Allem einleitend voranstellen könnte: weil die Angst größer wurde, dass mich mein Anspruch wiedermal ins Nichts führt. […] Was ich zu Rom in meinem kurzen Brief an Dich geschrieben habe, kann ich mittlerweile selbst nur noch diffus erinnern. Der August war im Ganzen ein schwieriger Monat. Nicht nur ist die Stadt in dieser Zeit vollständig verlassen und einzig Touristentrupps überstellt, auch gab ich mich täglicher Lohnarbeit hin, die auf Dauer so nichtig wurde und schal, das sie mich gegen mich selbst aufbrachte. Innerhalb dieser Konstellation von äußeren und inneren Umständen zeigte sich mir ein Stadtbild, das wohl weiterhin Keime von Wahrheit enthält, im Ganzen jedoch überzogen und kaum auszuhalten ist. Alles erstrahlte auf einmal als bloßer Dreck, das Sprechen der verbliebenen Italiener klang wie ein schmutziges Klaffen, und einzig tierisch erschein mir aller Tauschmarkt. Die Entrechteten aus Bangladesch und ihr blinkender Schrott- alias Lunapark, dann das dummdeutsche Lumpenproletenpack und wie es sich Pizzen in die Fresse zu schieben vermag, Geschwätz und Unsinn, gestapelte und verrottete Geschichte, schlechte Musik und klimatisierte Aperitivi, schlussendlich einfach jener animalische Überlebenskampf.
Jetzt ist natürlich und Gott sei Dank alles anders. Nicht nur sind die Römer zurück und die meisten Dummdeutschen in Deutschland, auch hilft meine neue wunderschöne Wohnung, half mein Aufenthalt in Berlin. Dort habe ich nochmals verstanden, warum diese Stadt tatsächlich der Ort ist, an dem junge Menschen letztlich zu sein haben, weshalb mir meine Freunde oft fehlen und schwerlich zu ersetzen sind, und wieso ich dennoch gut daran tat, nicht nach Deutschland vorschnell zurückzukehren. Es ist heilsam, weiterhin in einer fremden Sprache zu sein, weit von sich selbst und damit in einem produktiven Widerstreit. Ich weiß nicht, wie es Dir erging, nachdem Du zurück in Wien warst, aber ich glaube, ich wäre ohne das Wissen, letztlich wieder nach Rom aufzubrechen, an der Begebenheit verzweifelt, dass man seine Geschichte einfach nicht teilen kann. Auf einmal war das Deutsche meine Gegenwart und Italienisch bloßer Gedankenfetzen, sodann schlossen selbstredend alle Bekannten an die Zeit vor meiner Abreise nach Italien an, so als ob der täglich hastig getrunkene Espresso, das Spazieren an der Tiber, die Gespräche mit Dir, das Schreiben umweit des Pantheon und noch sehr viel mehr nicht gewesen wären. Anders ist es wohl kaum möglich, doch ertrug ich es nicht: Der Ausblick auf dem Gebäude der Villa Mirafiori und der morgendliche Kaffee ebenda – einzig in meinem Kopf. […]«
“Der tägliche Jammer, der Mangel an allem, die kreisförmige Bewegung aller Prozesse, halten die Kritik beim Symptomatischen. Weitermachen ist die Parole. Es wird verschoben und es wird verdrängt. Alles fürchtet das Einreißen, ohne das das Aufbauen unmöglich ist.“







Die Kürze.
Das Abendrot verschwindet, die Nacht ist kalt. Bei Hölderlin triumphiert der im Dunkel schwirrende Vogel über jenen Menschen, der den wärmenden Sonnenuntergang erinnert und friert. Für Adorno ist die Tragik des Augenblicks und damit das Kunstschöne nirgends so trefflich geschildert wie im Feuerwerk – fuochi d’artificio. Störend dabei ist gemeinhin der staunende Blick nach oben, das raunende Innehalten, weil es doch allzu verdächtig ist, allzu leicht auf das Sich-selbst-Preisen der Betrachter verweist. Was waren wir lebendig, als wir kisten- richtiger: schinkenweise Chinaböller in den Silvesternächten zum Knallen brachten. Die Sinnlosigkeit dieser Angelegenheit war augenscheinlich, doch hatten wir keinen Sinn dafür. Unsere kindliche Vorfreude und Erinnerung waren einbezogen in die Sicherheit, am Leben zu bleiben. Nach oben – in Richtung des durch Pyrotechnik zuckenden Nachthimmels – schauten wir nur selten. Was uns interessierte war der Boden – denn das war der Ort, an dem wir zu leben hatten. Zur gleichen Zeit knallte und platzte es rhythmisch in den fernen Städten – nur ohne Feuerzeug: Techno. Den Spagat zwischen den damaligen Detonationen haben wir durch den Sprung ins Knistern und Knacken vollzogen – sodann tanzend zu Minimal. In der Erinnerung bleiben die raschelnden Blätter im Wald, bleibt ihr Knistern und Knacken. Am Leben werden wir nicht bleiben, heißt: die Kürze schmerzt.

Das gesellschaftliche Leben findet im Verständnis der Erinnerung statt. Arbeitspläne, Gesetzestexte, Verabredungen jeder Art sind ihre Strukturmomente. Bindend gleichwohl können bloß Erinnerungen sein, die um eine äußere Wirkung, d.h. Wirklichkeit wissen. Und Wissen heißt „im Zeitalter des Geldes“ Fürchten; Wirklichkeit Irrsinn, wenn nicht Barbarei. Was Heidegger hierin Verlässlichkeit nennt, sind in Wahrheit die Ketten menschlicher Entfremdung.
„Was tun?“ Ein Komplementär zur Erinnerungsweise (von post bis spät nach früh )kapitalistischer Produktionsverhältnisse ist der Ritus der Städtearchitektur: Wie diese von Gravitation und Statik gehalten wird, haftet jene nicht zuletzt an der Evidenz und Nachvollziehbarkeit der Handlungen Anderer, die ebenfalls – wie verabredet – erscheinen oder selbstvergessen nach dem Preis der Dinge fragen. Doch ist dies nur die halbe Tatsächlichkeit: Wie jeder Tat die Untat zur Seite steht, anders: Wie Pyrotechnik zur Sprengung von Erbautem existiert, gibt es ein revoltierendes, nietzscheanisches Vergessen. Damit ist der Mensch keineswegs geschichtslos, im Gegenteil: Wirkliche Geschichte begänne erst mit dem Gedenken realer Möglichkeiten. Anstatt der Binarität aus Bureaugebäuden und Wohnhäusern (scheißen/fressen), wären Räume assoziierter Individuen auffindbar; statt zu bezahlen, wäre die w i r k l i c h e Aneignung denkbar. Aber auch hier verlangt die „Wahrheit“ eine zweite Seite: bloßes Klauen heißt Sprengen, erst die Aufhebung des Privateigentums ermöglichte ein anderes Bauen. Verteidigt die Pariser Commune!
Der einzig ohne jeden syntaktischen oder orthographischen Schwindel notierte Satz sagt, die Logik ist nur ein wesentliches Medium für die Widerspiegelung der Wirklichkeit, nicht ein unmittelbar ontologischer Ausdruck dieser Wirklichkeit. Wenn die Sprache ein unmittelbar ontologischer Ausdruck wäre, könnte er auch fehlerhaft sein – dann wäre es egal.
»Freiheit meint Kritik und Veränderung der Situationen, nicht deren Bestätigung durch Entscheidung inmitten ihres Zwangsgefüges.«
Skizze zur Kritik der Frage nach Willensfreiheit
Willensfreiheit als Bestimmung von dem, was relevant am Subjekt ist. Wie kann ich jemanden authentisch lieben, wenn das, was er tut, nicht er, vielmehr es sich selbst ist? Wo beginnt er, wenn nicht in sich selbst? Und ist dieses Selbst nicht eben der Wille?
Ebenfalls lässt sich fragen: Was bedeutet es, jemanden zu lieben, der dem, der er selbst einmal war, mit Ignoranz, gar Abfälligkeit begegnet? D.h. der sich in seiner Geschichtlichkeit nicht abtastet und Ernst nimmt, sondern über sich lacht und bei jeder Verbindung abwinkt, weil er sich in seiner “Ichwerdung” gleich ist. Damit wäre doch eine Relativität eröffnet, die das gegenwärtige Selbst erneut in Misskredit bringt, weil es als zeitliche Begebenheit ebenfalls zur Geschichte wird. Um es relevant zu setzen, und das hieße im vorgenannten Fall, es von allen vorigen Stadien abzugrenzen, müsste man fortan die Zeit, ja den Zeitpunkt selbst, in dem es geschieht, relevant, ja relevanter setzen: »Das ist die Zeit, in der ich lebe«. Doch damit ist das Ich verraten, weil bloß die Zeit objektiviert wird als reine Gegenwart, nicht aber das Subjekt, das seine Identität ja gerade darin erhält, über die Gegenwart hinauszugehen, in dem sie diese – durchaus in der Zeit – beständig transzendiert, das sich aus seiner Vergangenheit ständig neu erfindet, um sich selbst allererst zu gleichen. Nur in letzterem wäre so etwas wie ein freier Akt zu finden: Die Vermittlung des Ichs mit sich selbst, mit seiner eigenen Vergangenheit – die es als fremdbestimmt erlebt, als etwas von außen kommendes, und doch zugleich als seine eigenst gewählte begreifen muss, um sich in ihr zukünftig einzurichten.
Ich lebe in Rom, weil ich, der ich war, als ich noch nicht hier lebte, es entschieden hat. Ich lebe hier, weil ich es entschieden habe, als ich noch nicht der war, der ich jetzt bin, ich bin aber nur der, der ich bin, weil ich es entschieden habe, als ich nicht ich war.